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  • michael marquart

Weg da, hier singe ich

Aktualisiert: Mai 25

Ich habe mir vorgenommen am Morgen des Pfingstmontags meine Stimme für das digitale Chorprojekt einzusingen. Kurz danach wollen meine Frau und ich zu einer Wanderung aufbrechen. Das kann ja nicht allzu lange dauern. Das Stück ist ja kaum zwei Minuten lang und nicht allzu herausfordernd im Bass. Ein bis zwei Versuche, dann sollte das Ding ‚im Kasten‘ sein. Ich bin ja gut vorbereitet. Habe das Wohnzimmer bereits am Vorabend in mein Tonstudio verwandelt. O.k. kleine Übertreibung – ich habe die Technik vorbereitet. Das Tablet steht auf dem Notenständer. Das Smartphone habe ich als Aufnahmegerät in der richtigen Höhe auf der Fensterbank eingerichtet. Die Noten kleben an der Fensterscheibe. Kann losgehen. Nur noch verkabeln für den Knopf im Ohr und meiner Mitbewohnerin Bescheid geben, dass ich jetzt für einen Moment nicht gestört werden möchte. Ich schalte das Smartphone ein und gehe auf die Selfie-Kamerafunktion. Bin kurz überrascht welcher alte Mensch, mir da entgegenblickt. Stelle aber fest, dass ich das bin. Keine Zeit für Sentimentalitäten. Merke aber auch, dass mein schwarzes T-Shirt in dem dunklen Hintergrund nahezu gänzlich verschwindet. Geht gar nicht. Ich brauche mehr Kontrast, also nochmal umziehen und wieder neu verkabeln. Soviel Zeit muss sein. Nach der kurzen Verzögerung kann es endlich losgehen. Ich starte die Tonspur, dann gleich die Aufnahme. Na, geht doch. Komme prima rein. Die ersten Takte gelingen gut. Erste Strophe geschafft, auch die zweite Strophe läuft durch. Hab’s doch gleich gesagt. Easy. Höre zur Sicherheit nochmal in die Aufnahme rein. Mist. Die Intonation passt nicht. Zu tief. Also doch noch ein zweites Mal. Dann mit mehr Spannung. Come aga…in…singt mir Burkhard ins Ohr. Schon Ende der ersten Strophe spüre ich ein Kribbeln in der Nase. Ich versuche das zu unterdrücken, konzentriere mich aber eher noch darauf und bin abgelenkt. Textfehler. O.k. kann passieren, dann halt drei Versuche. Aber vorher noch schnell was trinken. Singen macht durstig. Tonspur starten, Aufnahme drücken und los geht’s. Umpf - habe vergessen von Foto auf Kamera umzustellen. Also nochmal von vorne. Ich werde nervös. Ich schaffe es bis zum Anfang der zweiten Strophe. Mineralwasser war keine gute Idee. Hätte ich wissen sollen. Habe Luft im Bauch, die nach oben muss. Komme wieder nicht zum Ende. Nicht nur die Kohlensäure, sondern auch eine gewisse Anspannung steigt langsam in mir auf. Jetzt bloß locker bleiben und ein erneuter Versuch. Es läuft vielversprechend. Langsam bekomme ich Routine, auch mit dem Text. Ich spüre jedoch erneut Unbehagen. Mein Speichelfluss zwingt mich zum Schlucken. Geht eigentlich nicht, weil im Stück keine Pause dafür vorgesehen ist. Tut’s aber trotzdem, weil Reflex. Wieder Abbruch. Ich bekomme Panikattacken. Wie hat das der Burkhard als Vorsänger gemacht? Reiß dich zusammen, konzentrier dich, schnauzt mich meine innere Stimme an. Motivieren geht anders. Jetzt will ich’s wissen. Das muss sie endlich sein, die finale Aufnahme. Bloß locker bleiben. Ich komme gut über die ersten Takte. Die Frisur sitzt, auch meine Stimme, zumindest einigermaßen. Ich bin hoffnungsvoll in der letzten Wiederholung gelandet und zuversichtlich, dass ich die beiden letzten Takte auch noch schaffe... Da geht plötzlich die Tür auf. Meine Frau fragt, wann der Moment denn endlich vorbei wäre. Ich breche zusammen.


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